Motivation und Lernen

Interview mit Petra Friederichs von KLEVER

 

Petra Friederichs will den Spaß am Lernen zurück bringen und Druck von dern Schülern nehmen.Wer kennt das nicht. Eigentlich hat man sich auf das Wochenende gefreut, aber Sohn oder Tochter kommen mit einer vermurksten Arbeit nach Hause. Nicht selten hängt dann der Haussegen schief und die gemeinsame freie Zeit kann keiner so richtig genießen. Auch Kinder, die gute Noten schreiben, spüren den schulischen Druck und verbeißen sich akribisch an ihren Hausaufgaben. Von Spaß am Lernen kann hier keine Rede mehr sein. Warum ist das so? Wir fragten Petra Friederichs vom Institut KLEVER in Bamberg, wie man es schaffen kann, wieder mehr Gelassenheit in den schulischen Alltag zu bringen.

 

In den wenigsten Familien läuft die Schule problemlos – im Gegenteil: Meistens liegen die Nerven bei Eltern und auch Schülern blank. Warum ist die Situation in unserer Zeit so angespannt?

Schule hat sich sehr verändert. Die Schüler hatten früher mehr Zeit. Jetzt wird immer mehr Lernstoff in immer kürzerer Zeit vermittelt. Kinder, gerade im Grundschulalter, lernen hauptsächlich durch Erfahrung und durch bildhafte Wissensvermittlung. Der Lehrplan zielt aber sehr auf das logische Denken und auditive Lernstrukturen ab. Der Reifeprozess des Gehirns ist bei vielen Kindern in diesem Alter aber noch gar nicht so weit entwickelt, um über diese Techniken erfolgreich lernen zu können. Die visuelle Komponente, die wichtig wäre, um den Stoff fest im Langzeitgedächtnis zu verankern, wird häufig vernachlässigt.

 

In Ihren Elternseminaren geben Sie Eltern gezielte Tipps zum Thema „Motivation“. Was ist das Hauptproblem im täglichen Lernprozess?

Das Thema Schule schleicht sich schnell in die Eltern–Kind-Beziehung ein und erhält manchmal zu viel Raum, Zeit und Macht. Doch in der emotionalen Beziehung zwischen Eltern und Kindern hat Schule nichts zu suchen. Das wäre ein Motivationskiller. Es sollte Eltern aber auch nicht egal sein, was ihr Kind in der Schule macht. Positive Beispiele für Motivation finden wir bei unseren angelsächsischen und skandinavischen Nachbarn. Bereits im Kindergarten beginnt man dort gezielt über die individuellen Stärken zu motivieren. Da heißt es nicht: „Du hast den blauen Kreis nicht schön ausgemalt“, sondern – und das ist der wesentliche Unterschied „Deinen grünen und gelben Kreis hast Du toll hingekriegt.“ Unser System orientiert sich häufig am Defizit – in der Schule bekommt man in erster Linie die Fehler markiert.

Aber Kinder müssen auch erfahren, was sie gut machen, um ein sicheres Gefühl für ihre Stärken entwickeln zu können. Für die Motivation eines Kindes ist es wichtig, ihm Sicherheit zu geben und Erfolg spüren zu lassen. Und da sind neben den Lehrern natürlich auch die Eltern gefragt, indem sie kleine Fortschritte sofort loben: „Mensch, die Vokabel ist schwierig und die kannst du dir so gut merken.“ Das motiviert! Wichtig ist auch, die außerschulischen Erfolge zu loben.

 

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die ein entspanntes Lernumfeld schaffen. Können Sie uns Beispiele nennen?

Eltern sollten ihren Kindern  aufmerksam zuhören. Kinder kennen ihre eigenen Bedürfnisse häufig sehr genau. Zu einer entspannten Atmosphäre gehört, sich Zeit und Ruhe zu nehmen. Im Alltag spielt sich gerne viel Unnötiges ein. Jeder kennt die sich wiederholenden Diskussionen um das gleiche Thema. Hier heißt es Strukturen zu schaffen und diese konsequent einzuhalten: z.B. Hausaufgaben immer zur gleichen Zeit zu erledigen. Hausaufgaben sind wichtig, sie müssen gemacht werden – Ende. Das muss man nicht  jeden Tag neu diskutieren. Dadurch zögert das Kind – erfolgreich – nur immer wieder den Arbeitsbeginn hinaus und lernt durch Vermeidungsverhalten Erfolg zu haben.

Um das zu verhindern, sollte der beteiligte Elternteil aus der Situation herausgehen, also den Raum verlassen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Kinder darauf positiv reagieren. Da verpufft die Energie nicht für unnötige Wortgefechte, sondern bleibt für ein konzentriertes Lernen. Und es bleibt auch mehr Zeit für mehr Spaß im Alltag.

 

Das heißt also, feste Strukturen sind wichtig für konfliktfreies Lernen?

Nicht nur für konfliktfreies Lernen. Das alles wird durch die sogenannten Lerngesetze bzw. Kommunikationsgesetze gestützt, d.h. es gibt sogar wissenschaftliche Nachweise hierfür. Und das Gute ist, es handelt sich nicht nur um bloße Theorie, sondern funktioniert hervorragend im Alltag. Das richtige Kommunikationsverhalten von Eltern gegenüber ihren Kindern kann für einen deutlichen Stressabbau im Alltag sorgen.  Wie das genau funktioniert, wird in unseren Elternseminaren vermittelt.

 

Worauf sollten Eltern als Lernbegleiter achten?

Kinder lernen individuell unterschiedlich, es gibt also keine feste „to do“ Liste, die es abzuarbeiten gilt. Nicht selten verwenden Kinder andere Lernstrategien als ihre Eltern. Das gilt es zu respektieren, damit das Kind seine eigenen erfolgreichen Lernstrukturen aufbauen kann. Deshalb vermitteln wir übrigens in unseren Trainings alters- und entwicklungsgerechte Lernstrategien, die den individuellen Lerntyp des Kindes berücksichtigen. Negativer Druck sollte unbedingt vermieden werden. Angst und emotionaler Stress verhindern ein positives Lernverhalten und zuverlässige Wissensabspeicherungen.
Ein anderes „NoGo“ sind Beleidigungen jeglicher Art. Ein „Warum kapierst du das einfach nicht“ bohrt sich tief in jede Kinderseele. Ebenso Brüllen und lautes Schimpfen – das bringt gar nichts! Das Lernklima sollte ruhig und positiv sein. Bevor die Situation eskaliert, kann eine Pause die Atmosphäre retten. Kommt es schnell zu Konflikten beim Lernen, kann der entsprechende Elternteil durch spontanes Verlassen des Raumes die Stresssituation beenden.

Auch für die Eltern ist der Lerndruck anstrengend und subtil präsent. Vielen Eltern tut es gut, sich  von den äußeren Ansprüchen zu befreien – ihren Kindern, aber auch sich selbst zuliebe. Viele Familien – vor allem die Mütter, da sie häufig die Hauptlast tragen - sehen es als persönliche Niederlage, wenn ihr Kind nicht problemlos durch die Schule marschiert. Es ist aber sehr wichtig sich immer wieder vor Augen zu führen: „Das sind die Stärken meines Kindes. Ich nehme mein Kind mit allen Stärken und Schwächen an und unterstütze es in seinem Selbstwert.“ Ein selbstbewusster Schüler kann deutlich lockerer mit seinen Schwächen umgehen.

 

Für viele bayerische Kinder steht in der 4. Klasse der Übertritt vor der Tür und der Druck die entsprechenden Leistungen zu liefern. Wie können Eltern ihr Kind am besten begleiten?

Es ist problematisch, sich für sein Kind einen bestimmten Weg auszudenken oder diesen gar vorzugeben. Es ist wichtig, dass Kinder ihrer eigenen Entwicklung gemäß ihren individuellen Weg gehen dürfen und dabei begleitet und geachtet werden, auch wenn dieser Weg nicht aufs Gymnasium führt. Manchmal ist ein Umweg sogar ganz sinnvoll. Freigeister entwickeln sich erst recht nicht auf vorgegebenen Bahnen. Eine gute Beziehung zum Kind ist ein wichtiges Polster: ihm zuzuhören, seine Bedürfnisse und seine Vorstellungen ernst nehmen - stärken dieses Polster.

Das ist besonders in der Phase wichtig, in der in den bayerischen Schulen das „Aussortieren“ beginnt – nämlich Anfang/Mitte der 3. Klasse. Eltern erleichtern sich diese Phase, wenn sie sich klar vor Augen führen: „Wir suchen die beste Schule für unser Kind, und die beste muss nicht unbedingt das Gymnasium sein.“ Sollte ein Kind jedoch die Vorraussetzungen haben oder den Wunsch äußern aufs Gymnasium zu wechseln, sollte es unterstützt werden. Eine Unterforderung kann ebenso wie eine Überforderung schnell zu Frust beim Kind führen, teilweise sogar zur Lernverweigerung. Häufig haben unterforderte Kinder nicht die besten Noten in der Klasse. Zu Fragen der Schulwahl bieten wir übrigens individuelle Beratungen an.

 

Kinder sind von Natur aus voller Wissensdurst. Was würden Sie sich wünschen, damit dieser Drang möglichst lange erhalten bleibt?

Die bayerischen Lehrpläne (ebenso in anderen Bundesländern) gehören grundlegend reformiert. Sie entsprechen nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft, wie erfolgreiches Lernen funktioniert und Lernmotivation aufgebaut wird. Grundsätzlich sollte nicht der Lehrplan Mittelpunkt sein, dem alles untergeordnet wird, sondern die Kinder müssen die zentrale Größe sein: Ihre Motivation zu lernen und die Förderung ihrer Stärken mit Einbeziehen der sozialen Aspekte. Außerdem fände ich es schön, wenn Lehrer, die sich engagieren, von den Eltern die nötige Unterstützung erfahren würden. Eine vertrauensvolle Teamarbeit zwischen Elternhaus und Schule könnte sich so weiter entwickeln.

Britta Ruder