„Familien sollen sich hier willkommen fühlen!“

Interview mit der Bamberger Familienbeauftragten Gisela Filkorn

bambolino_2010-1_2Bambergs Familienbeauftragte stammt aus Wuppertal: Seit mehr als zwanzig Jahren lebt die 57-jährige Rheinländerin mit ihrer Familie in Bamberg und war 2004 Mitgründerin des Familienbeirates. Im Juni 2006 wählte der Stadtrat die ausgebildete Diplom-Kauffrau Gisela Filkorn zur Familienbeauftragten  – sie soll die Fragen von Familien in Stadtrat und Verwaltung tragen und auch den Kontakt zum Familienbeirat koordinieren.

 

Sie arbeiten ehrenamtlich im Rahmen einer Halbtagsstelle plus Überstunden. Woher nehmen Sie Ihre Motivation?

Es ist mir ein großes Anliegen, dass die Generation nach uns eine Welt vorfindet, die lebenswert ist und dass die heutigen Kinder einmal selbst Lust haben, Kinder in diese Welt zu setzen. In Bamberg ist dieses Thema lange viel zu kurz gekommen, und da muss dringend etwas getan werden.

Geht es den Familien in Bamberg zurzeit gut?

In den letzten Jahren hat sich einiges verändert, und den Familien geht es inzwischen viel besser: Der Krippenausbau wurde vorangetrieben und viele Grundschulen bieten eine Mittagsbetreuung. Es gibt das Bamberger Ferienabenteuer und eine verstärkte Schulsozialarbeit an den Hauptschulen. Ganz neu sind der Familienpass "Däumling" und das Internetportal www.bamberg-familienfreundlich.de. Entscheidend ist aber, dass sich das Denken der politisch Verantwortlichen verändert hat: Gute und effektive Familienpolitik ist wichtig, damit die Stadt eine Zukunft hat. Bambergs Geburtenrate liegt mit 1,1 Kindern noch unter dem niedrigen Bundesschnitt von 1,2 Kindern pro Eltern.

Was brauchen Familien, um sich in einer Stadt wohl zu fühlen?

Dass sie dort ihr individuelles Modell der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entspannt leben können. Familien wollen sich wohl fühlen, ohne dafür großen Aufwand betreiben zu müssen. Deshalb ist für berufstätige Paare das Angebot der Kinderbetreuung ein entscheidendes Kriterium für oder wider den Wohnort. Weitere Aspekte sind bezahlbarer Wohnraum und auch die kulturellen Einrichtungen. Dann, welches Klima in einer Stadt herrscht: Wie reagieren die Nachbarn auf Familien? Wie die politischen Entscheidungsträger? Gibt es soziale Netzwerke?

Wo sehen Sie vor allem noch Handlungsbedarf?

Vorwiegend im Ausbau der Krippen und der Mittagsbetreuung – ich erhalte viele Anrufe von Eltern, die verzweifelt einen Krippenplatz suchen. Das Angebot an Kinderbetreuung muss flexibler gestaltet sein, weil viele Berufe außerhalb der Kindergartenzeiten stattfinden. Wohin mit den Kindern, wenn ich im Einzelhandel arbeite, der abends bis 20 Uhr geöffnet hat? Andere Städte bieten Familiendienste für solche Randzeiten und für Notfälle. Viele Familien haben eben keine Großeltern vor Ort, die einspringen können.

Sehen Sie hier den Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Ja. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss gewährleistet sein. Wenn das nicht gelingt, können Familien ihre Existenzgrundlage nicht selbst sichern und sind wieder abhängig von der Kommune. Deshalb habe ich u.a. ein Netzwerk für Unternehmer mit initiiert, bei dem man sich viermal jährlich trifft und gute Beispiele familienfreundlicher Personalpolitik vorstellt.

Gibt es ein großes Ziel, das Sie bei Ihrer Arbeit verfolgen?

Ich habe schon lange die Vision, dass es in allen Stadtteilen eine niederschwellige Familienanlaufstelle gibt. Es ist so wichtig, dass die Leute Netzwerke bilden: Da kennt man sich, kann sich treffen, austauschen und vor allen Dingen gegenseitig unterstützen über alle Generationen hinweg.  Ein gutes Vorbild sind die Familienstützpunkte der Erzdiözese: Diese gliedern sich an vorhandene Einrichtungen an und bieten nicht nur Beratung, sondern auch Aktionen und Kinderbetreuung. Man muss nicht immer neu bauen, sondern kann Vorhandenes nutzen.

Ist Bamberg eine familienfreundliche Stadt?

Im Großen und Ganzen – Ja! Ich höre aber immer wieder krasse Beispiele, die zeigen, dass wir kinderentwöhnt sind und sie häufig nur noch als Störenfriede wahrnehmen: Wohnungsinserate mit dem Satz „Haustiere und Kinder unerwünscht“. Restaurants, in denen man sich über Kinderlärm beschwert, während zwei Tische weiter Lachsalven von Erwachsenen ertönen. Eine schlimme Geschichte erzählte mir eine junge Mutter, die mit einem vollen Einkaufswagen den Supermarkt verließ und dieser auf dem Weg zum Auto an einer Bordsteinkante umkippte. Ihr Baby, das im MaxiCosi auf dem Wagen lag, flog auf den Boden, und alle Lebensmittel kippten aus. Obwohl das Kind schrie und auf dem Parkplatz einige Leute waren, hat der jungen Frau niemand geholfen. „Es sind alle vorbei gelaufen“, erzählte sie mir „und direkt neben mir hat ein älteres Ehepaar in aller Ruhe seine Einkäufe eingeladen.“ So etwas darf nicht sein! Ich wünsche mir für Bamberg die Haltung „Familien, ihr seid hier willkommen!“. Dafür engagiere ich mich.

Kerstin Bönisch

Kontakt: Familienbeauftragte Gisela Filkorn, Rathaus Geyerswörth, Tel. 0951/87-1894, Di 16-18 Uhr und Do 10 – 12 Uhr sowie nach Vereinbarung. Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.