Der Tyrann vom Brillenrand
In der Elternzeit hat man alles, nur nicht Zeit – ein (weiterer) Erfahrungsbericht, diesmal aus dem Mütterland
Ausgerechnet jetzt. Wie immer ausgerechnet jetzt. „Mama, fertig!“, schallt es aus dem Bad. Und dann noch einmal mit drastisch erhöhter Dezibelzahl: „Feeeertiiiiig!“ Inzwischen müsste die frohe Botschaft, dass die geschäftlichen Dinge meiner älteren Tochter zum erfolgreichen Abschluss gekommen sind, auch die Belegschaft des Steuerbüros unter uns erreicht haben. Ich betrachte das Wesen an meiner Brust. Helene, seit gestern fünf Monate, saugt und schluckt unbeeindruckt weiter. Ella, süße drei Jahre, verleiht indes ihrer Forderung nach der persönlichen Toilettenfrau weiteren stimmlichen Nachdruck: „Maamaaa, fertig! Popo abputzen!“ Wäre die Türe geschlossen, so könnte man ja noch wenigstens so tun, als hätte man die Order, sofort an den Ort des Geschehens zu erscheinen, nicht gehört. Meine Nase allerdings lässt sich von derartigen Taktiken nicht an ihr selbst herumführen. Der Tyrann vom Brillenrand schaltet erbarmungslos auf Repeat. Endlich: Helene ist satt. Ich eile - Popo abputzen.
Seitdem der Verdauungstrakt meiner älteren Tochter mit dem Magen meiner jüngeren Tochter synchron arbeitet, weiß ich ob des Vorteils, dass Lukas und Julius bereits im toilettentechnisch fortgeschritteneren Alter von acht und vier Jahren unsere Familie begründeten. Lukas, heute 21, angehender Student und gerade im Ausziehen begriffen, Julius, 17, Azubi im fernen Baden-Württemberg, sind die Kinder meines Lebensgefährten aus erster Ehe. Und damit die großen Halbbrüder unserer gemeinsamen Kinder. Wir sind also eine dieser rund 2,5 Millionen Patchwork-Familien, die es inzwischen in Deutschland geben soll. Und für die schlaue Ratgeber geschrieben werden, mit so schönen Titeln wie etwa „Patch works!“. Weil uns aber das Leben andere Lehren ziehen lässt, gibt es ja noch Beratungsstellen. Und Foren für „Betroffene“. Und zehn Tipps in der Eltern-Broschüre, wie der familiäre Flickerlteppich garantiert gelingt und sich die klassische Patchwork-Familie von der noch klassischeren Kernfamilie Vater-Mutter-Kind unterscheidet.
Ellas beste Freundin hat sich dagegen ihre eigene Meinung zu unserem Familienkonstrukt gebildet: Seit dem ersten Treffen mit Lukas erzählt sie im Kindergarten gerne und immer wieder, Ella hätte zwei Papas. Und beide wohnten mit Ella-Mama zusammen. Das tut sie zwar ohne jeden bösen Hintergedanken, aber mittlerweile habe ich dennoch das kleine Missverständnis aufgeklärt – sehr zur Erheiterung der Erzieherinnen und zur noch größeren Erleichterung unseres Sohnes. Inzwischen holt Lukas seine Schwester auch wieder im Kindergarten ab. Wenn Helene ausgerechnet wieder einmal um halb drei an meiner Brust hängt.
Dieses „Ausgerechnet“: Irgendwie scheint es ein Naturgesetz zu sein. Ausgerechnet dann werden die Kleinen krank, wenn der Kinderarzt Urlaub hat. Ausgerechnet dann müssen sie aufs Klo, wenn nirgendwo eine Toilette in Sicht ist. Ausgerechnet dann matschen sie am Hainspielplatz mit Hingabe, wenn man die Wechselwäsche vergessen hat. Und die Großen? Die müssen ausgerechnet dann zur angesagtesten Party des Jahres, wenn man selbst zum Geburtstag eingeladen ist. Telefonieren ausgerechnet dann mit der Freundin, wenn der Trockner seine hoffnungslose Flusenüberlastung mit schrillem Pfeifton anmahnt. Und ziehen ausgerechnet dann aus, wenn sie endlich wissen, wo im Hof die graue Tonne steht. Ausgerechnet dann sind sie erwachsen, wenn man endlich zusammengewachsen ist. Und Letzteres war nicht immer ganz so leicht. (Siehe einschlägige Foren im Internet!)
Dieses „Ausgerechnet“ muss ein Racheakt sein. Aber wofür? Dass man schwanger wird, obwohl man bereits erfahren hat, wie Ex-Chefs über fiebernde Kinder denken („…lassen Sie sie doch noch mal bei den Großeltern…!“)? Dass man seiner Umwelt Kindergeschrei im Treppenhaus, Fußballspielen im Vorgarten und Trotzanfälle im Supermarkt zumutet ( „…da gehört mal ein ordentlicher Klaps auf den Hintern!“)? Dass man doch tatsächlich darauf vertraut, einen Krippenplatz zu bekommen, obwohl man weiß, dass in der Wirtschaftskrise Banken und Autos wichtiger sind als Kinder? Dass man im Alter von 12, jetzt kann ich es ja zugeben, mit Begeisterung die Serie „Ich heirate eine Familie“ geguckt hat und dachte, so wäre das wirkliche Leben?
Wenn es also ein Racheakt ist, bitteschön, wer rächt sich da?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es dieses ältere Pärchen von neulich ist. Dieses Pärchen, dem es leider nicht möglich war, mich zu überholen, weil ich mit Kinderwagen an der einen und Kind an der anderen Hand unverschämter Weise den gesamten Gehweg blockierte. Vielleicht war es aber jener junge Mann, der genervt aufstand, als Helenchen ausgerechnet im Café wieder einmal lautstark signalisierte, dass sie Nase und Hose voll hat.
Zugegeben: Ein wenig anders hatte ich mir meine zweite Elternzeit im Leben schon vorgestellt. Etwas entspannter vielleicht. Schließlich sollte ich nun erfahrener und dank des Elterngeldes auch finanziell besser gestellt sein als beim ersten leiblichen Kind vor drei Jahren. Ich hatte mir vorgestellt, ich hätte tatsächlich mehr Zeit.
Und was ist? Statt das Elternglück in vollen Zügen zu genießen, hetze ich von Kinderarztterminen zu Kinderturnstunden und von Krabbelgruppentreffen zu Kindergarten-Elternabenden. Ich wandle zwischen Wäschebergen, vollen Windeleimern und ausgeschütteten Lego-Kisten. Pendle zwischen Popo-Abputzen und Brustgeben, friere literweise Kürbissuppe für Studenten im fernen Fürth ein, sortiere Kinderklamotten im vier Wochen-Rhythmus und versuche dabei meinen Lebensgefährten zu verstehen, der jetzt, wo ich doch ganz und gar zu Hause bin, in seinem neuen Job endlich ein bisschen länger arbeiten kann. Wahrscheinlich müssen meine Uralt-Möbel warten, bis sie schwarz werden, bevor ich sie weiß gestrichen habe. Dass ich immer noch keinen Sport treibe und der anvisierte Englisch-Auffrischungskurs auch dieses Jahr ohne mein Sprachtalent auskommen muss, liegt sowieso nur an mangelnder Organisation. Deshalb ist wahrscheinlich auch mein letztes Vollbad im Kerzenschein einige Jährchen her – etwa 13. Aber dafür habe ich ja jede Menge Spaß auf dem Spielplatz. Trinke literweise koffeinfreien Milchkaffee mit anderen Müttern, die ebenfalls nichts anderes vorhaben, als ihren Kindern beim Erlernen sozialer Kompetenzen zuzuschauen. Ich freue mich natürlich auch brav über jede Kastanie, die den Weg in unsere Wohnung findet, um dort geschützt vor bösen Kehrmaschinen ungestört verschimmeln zu dürfen. Und natürlich bin ich auch ob der Kinder-Kunstwerke, die unsere Altpapiertonne fast schon im 24-Stunden-Takt befüllen, begeistert.
War’s das? Nein, da wären auch noch Ellas Füße zu erwähnen, die jede Nacht in meinem Gesicht landen. Und Helenes Zähne, die sich ausgerechnet dann ihren Weg bahnen, wenn ich mich an den Computer setzen will. Nicht zu vergessen die Kürbissuppen, die sich auf dem Weg nach Fürth in dunkle Rucksackritzen verflüchtigen.
Warum ich überhaupt Kinder habe? Weil’s die einen einfach mit meinem Freund gab und die anderen dazukamen. Weil mein Leben kinderfrei nicht halb so aufregend wäre. Weil meine Kinder mich immer wieder zum Lachen bringen. Und manchmal auch zur Weißglut. Weil ich Kastanien-Männchen mag. Und Lego-Türme. Weil es, man möge mir den Griff in die Kitsch-Kiste verzeihen - nichts Schöneres gibt, als morgens aufzuwachen und in die Grinsebacken meiner Töchter zu sehen. Weil mir meine großen und kleinen Kinder immer wieder zeigen, was wichtig im Leben ist. Und manchmal ist das eben für den Moment „Popo abputzen!“
Gitte Löffler
